Phoenix aus der Asche

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Wüster Ort Provinz Brandenburg Grundmauern

Grundmauern einer preußischen Siedlung in der polnischen Verwaltungszone

„Hier, hier drüben.“ unser Führer winkt uns tiefer in das Wäldchen, das direkt am Damm des Ostufers der Oder gelegen ist. Wir arbeiten uns durch Brennesseln und abgestorbene Holunderzweige zu ihm durch. Er zeigt auf eine Vertiefung im Boden aus deren Mitte ein Baum wächst. Schnell bemerken wir die rechteckige Umrandung. Sie besteht aus drei Schichten Feldsteinen. „Ein Feldsteinfundament. Unterkellert war hier sicher nichts, bei dieser Nähe zur Oder dürfte das Grundwasser nicht sehr tief unter der Oberfläche liegen.“ erklärt unser Führer und fordert uns dann auf auf, ihm weiter durch die Brennesseln zu folgen.

Wüster Ort Provinz Brandenburg Brunnen

Brunnen

„Apropos Grundwasser. Dort liegt der gemauerte Brunnen, der ist noch richtig gut erhalten, nur etwas versandet.“ bereitet er uns auf dem Weg auf die nächste Sehenwürdigkeit vor. Und tatsächlich: Kurz darauf stehen wir um ein gemauertes Loch im Boden, circa ein Meter tief: Ein Brunnen. „Ohne Mörtel gemauert, so kann das Wasser leicht in den Brunnen einsickern.“ erklärt unserer Führer dazu. „Hier steht Flieder, ein alter Apfelbaum und da drüben eine Kirsche.“ fällt unserer Begleiterin auf, bevor sie hinzufügt „Und das ganze Areal ist umgeben von alten Eichen, mindestens zweihundert Jahre alt.

Wüster Ort Provinz Brandenburg BracheDas Areal, auf dem wir uns befinden, ist ein „wüster Ort“ – eine winzige preußische Siedlung, die nach 1945 unter polnische Verwaltung gestellt wurde, dessen deutsche Bewohner vermutlich vertrieben wurden und deren Häuser, Ställe und Infrastruktur zerstört – eben verwüstet – wurden. Wüste Ortschaften gab es in der Geschichte häufiger, manche wurden neubesiedelt und tragen bis heute Ortsnamen, die an die Verwüstung erinnern: Wüstems oder Wüstensolms zum Beispiel. Die Ursachen für den Wüstfall waren unterschiedlich: Der dreißgjährige Krieg oder Seuchen wie die Pest sorgten für wüste Orte in weiten Teilen der deutschen Länder.

Der wüste Ort, an dem wir uns heute auf Einladung befinden, wurde verursacht durch das Potsdamer Abkommen von 1945, mit dem die preußischen Gebiete östlich der sog. Oder-Neiße-Linie unter die Verwaltung der Republik Polen gestellt wurden. Die deutsche, mehrheitlich preußische Bevölkerung dieser Gebiete floh entweder 1945 vor der roten Armee oder wurde wenig später vertrieben, über die Oder, nach Westen. Nicht selten kamen sie vor oder während der Flucht durch Gewalt ums Leben. Obwohl lediglich unter polnische Verwaltung gestellt, wurde anschließend alles, was preußisch oder deutsch war, verbannt: Deutsche Menschen, deutsche Sprache, deutsche Kultur. Preußische Landgemeinden gingen mit all ihrem Besitz, Ackerland, Grundstücke, Häuser, Kirchen, Denkmäler, Friedhöfe, in die Hände von Polen über, die nun an Stelle der Deutschen hier angesiedelt wurden. Viele der Häuser in den Ortschaften, die wir auf dem Weg hierher gesehen haben, sind lange vor 1945 gebaut. Es sind von Preußen gebaute Häuser, an denen heute sehr häufig die rot-weiße Fahne der Polen aufdrappiert ist.

Wir stehen auf dem Areal eines ehemaligen Vorwerks einer preußischen Landgemeinde: Eine kleine Siedlung außerhalb der eigentlichen Gemeinde, jedoch zur Gebietskörperschaft der preußischen Landgemeinde gehörig. Das Wehrmachts-Kartenmaterial unseres Führers verzeichnet für den Ort, an dem wir uns befinden, drei Gebäude, einen Brunnen und, in 100m Umkreis insgesamt sechs weitere Gebäude. Von den Gebäuden der alten Karte ist heute, bis auf Teile der Grundmauern, Trümmern aus Backsteinen und Dachziegeln, nicht mehr viel zu sehen. „Ich vermute, die Gebäude wurden irgendwann nach dem Krieg von den Polen abgerissen und das Material zum Teil abgetragen. Wenn sie einfach verfallen wären, müssten hier viel mehr Trümmer liegen.“ eklärt unser Führer.

Unser Führer ist Steffen¹, ein 55 Jahre alter Preuße aus der Nähe von Cottbus, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, wüstgefallene preußische Siedlungen in der polnischen Verwaltungszone aufzuspüren. Dazu vergleicht er altes Kartenmaterial mit aktuellen Karten und Luftbildaufnahmen. „Sicher mehr als dreißig.“ erklärt Steffen uns auf die Frage, wieviele wüste preußische Orte er bereits besucht hat. „Aber an den meisten Orten findet man weit weniger Spuren als hier.“ fügt er dann hinzu. Dass Steffen sich in diesen Ort, zu dem er uns heute eingeladen hat, verliebt hat, liegt aber nicht daran, dass hier mehr Trümmer liegen, als anderswo. „Dieser Ort ist so himmlisch ruhig, wirklich idyllisch, und liegt direkt an der Oder. Es gibt viele Rehe und Wildschweine. Sogar sieben Wolfsrudel sollen in der Gegend unterwegs sein.“ schwärmt Steffen, der heute bestimmt schon zum fünften Mal hier ist.

Wüster Ort Provinz Brandenburg Oderseite

Hinter Eichen liegt die Siedlung.

„Hier drüben, kommt.“ weist Steffen uns mit seiner energisch-enthusiastischen Art zum Weg zurück. „Das wird die Bismarckeiche.“ kündigt er stolz an, als wir wenig später vor zwei großen Eichen am Wegesrand zum Stehen kommen. Steffen zeigt dabei auf den linken der beiden Bäume und weist dann auf die Mitte zwischen ihnen. „Hier kommt eine Bank zum Verweilen hin und dazu ein Stein, mit einer Plakette.“ stellt Steffen uns seinen Plan vor. „Die Bäume sind so alt, die haben Bismarck bestimmt noch erlebt.“ fügt er gewichtig hinzu, bevor er sich zur gegenüberliegenden Seite des Weges wendet und in das Wäldchen zeigt. „Dort haben drei weitere Gebäude gestanden und wenn man ein wenig aufräumt, hat das Areal fast parkähnlichen Charakter. Ich habe gedacht, dort eventuell einen Naturlehrpfad anzulegen.“

Wüster Ort Provinz Brandenburg Brache

Hier standen vier Wohngebäude.

Steffen hat einen Traum: Er möchte diesen wüsten Ort wieder in preußischen Besitz nehmen und ihn nach 74 Jahren wieder deutsch besiedeln. „Ganz so einfach ist das leider nicht.“ erklärt er dazu. „Ich habe bislang noch keine Informationen über die legitimen Eigentümer. Ob sie geflohen sind oder ermordert wurden, wer weiss das schon. Außerdem ist diese Siedlung ist so klein, dass sie nirgends Erwähnung findet. Die Landgemeinde schon, aber über dieses Vorwerk findet man nichts.“ Wir wollen von ihm wissen, ob er bereits die polnische Liegenschaftverwaltung kontaktiert hat um zu erfahren, welche Informationen dort vorliegen. „Nein. Ich spreche kein polnisch. Und ob sie mein Vorhaben unterstützen würden, wage ich zu bezweifeln. Ich bin hier ein Einzelkämpfer und stehe ganz am Anfang.“

Kurzum: Steffen träumt den Traum der Reorganisation einer wüstgefallenen preußischen Landgemeinde. „Souveränität bekommt man nicht geschenkt, man muss sie sich nehmen.“ zitiert er einen deutschen Oberst und fügt dann hinzu „Dies ist nach wie vor das Territorium des Königreich Preußen. Wir befinden uns in der preußischen Provinz Brandenburg und ich bin ein Preuße. Dies ist mein Erbe. Und wenn die Polen etwas dagegen haben, dass hier an diesem Ort wieder Preußen siedeln, dann müssen sie mir einen Knüppel auf den Kopf hauen. Ich wäre nicht der erste Preuße, der von Polen totgeschlagen würde.“

Wüster Ort Provinz Brandenburg Grenzmarkierung

Verwaltungszonengrenze

Steffen hat konkrete Pläne. Er will das Selbstbestimmungsrecht der Preußen wahrnehmen, hat dazu die Landgemeindeordnung für die sieben östlichen Provinzen der preußischen Monarchie studiert und schildert uns daraus, was das Recht vorschreibt: „Es braucht hier nur drei Preußen mit Hausbesitz, die 365 Tage ihren Wohnsitz an diesem Ort haben. Nach nur einem Jahr ist damit die Rechtsfähigkeit wiederhergestellt und wir können legitim einen Gemeindevorsteher wählen und so preußisches Recht wieder geltend machen.“ schildert er uns, während wir zum Ausgangspunkt unserer Ortsbegehung zurückschlendern.

„Noch bin ich alleine, weil sich niemand gefunden hat, der mitziehen will. Es wird viel Arbeit, denn wir müssen hier von Null beginnen: Den Brunnen gangbar machen, Hütten zimmern, eine Einfriedung bauen, Nahrung anbauen, Hühner halten, Holz zum Heizen machen. Ich brauche noch mindestens zwei Mann, die das mit mir durchziehen wollen.“ Wir kommen vor den Grundmauern eines Gebäudes zum Stehen. War dies einmal ein Stall, eine Scheune, ein Wohnhaus? Es ist nicht mehr zu erkennen. Der Anblick, der sich uns bietet, beschreibt den Zustand ganz Preußens: Es liegt bis auf die Grundmauern zerstört darnieder. „Irgendwann muss jemand anfangen, es wieder aufzubauen und ich will das tun.“ erklärt uns Steffen feierlich. „Wenn ich zwei, drei gute Männer finde, wird sich dieser Ort erheben wie Phoenix aus der Asche. Wir werden sagen können: Seht her, 105 Jahre Krieg konnten uns nicht vernichten. Preußen lebt!“

Aufruf:
Wer Steffen in seinem mutigen Vorhaben unterstützen möchte, sei es durch eine (Sach-)Spende, Polnischkenntnisse, durch tatkräftige Hilfe vor Ort oder wer sich gar vorstellen kann, als preußischer Siedler mit Steffen zu ziehen, der darf sich gerne über die Kommentarfunktion dieses Beitrags bermerkbar machen. Das Preußenjournal leitet die Nachricht gerne an Steffen weiter.

¹ persönliche Daten geändert
Bilder: hsa

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